Fuck you, I won't do what you tell me!

Manchmal muss es sein. Disko. Und um dem Hirn nicht finale Schäden zuzufügen, wählt ein weiser Mann eine Bude, die Rockmusik zelebriert und eben nicht den völlig seelenlosen Quark, der allerorts unsere Oberstübchen weich machen soll, damit wir Pafömm oder Haargel kaufen.

Und da ich einerseits zu schüchtern bin, um frei zu tanzen, andererseits Musik aber auch nie meinen Tanzfuß weckte, stehe ich rücklings an der Bar und beschaue das Treiben.
Es ist mein tiefer Glaube, dass klassische Musik und das, was man gemeinhin als nicht radiotaugliche Rockmusik anerkennt, den Geist bildet. Es ist auch mein tiefer Glaube, dass alles andere an Musik den Geist zermürbt, doch ich will den Rahmen respektieren.

"Cut my life into pieces, this is my last resort!" brüllen alle und heben die Faust zur Gegenwehr. "Was heißt resort?", frage ich, weil ichs grad echt nicht weiß. "Keine Ahnung, aber es ist ein cooles Lied!" Ich kann nicht anders und denke an Massen, die Dinge riefen, ohne zu ahnen, was dann kam. Und ich weiß genau, dass ich hier übertreibe. Die Rechtfertigung: man sei hier, um Spaß zu haben. "Ich ... ich ... aaahhh ... ich kann nicht! Der Kopf! ... er ist immer an ... ich kann ... aaahhhh ... ich muss denken ... ich BIN ... und stehe hier und kann nicht anders!"

Während ich mir die Schläfen reibe, stehen junge Männer rum, die Bier trinken, sich in den Armen halten und völlig falsche Vokabeln zum gebotenen Liedgut gröhlen. Sie lieben es! Sie leben! Und sie lachen. Ich nicht so.

Eine junge Dame fällt mir auf. Ich sehe zunächst nur ihr Gesicht, bin erquickt und abgelenkt vom Blödsinn um mich herum. Doch sie trägt einen Nietengurt um ihre Jeans. Und sie hat Nietenarmbänder. Und eine wirklich schlecht gestochene Armband-Tribal-Tätowierung um den Oberarm. Und weil sie sonst offenbar nicht so ist, was ein Tribal immer beweist, da es das Sinnbild derer ist, die sich nie Gedanken darüber machen, was sie tun, stecken ihre Beine nicht in schwarzen Lackstiefeln, die hier die Individualität aller unterstreichen, sondern in gefütterten braunen Deichmann-Botten, die im Winter sicherlich gesünder sind als hier in dieser Hitze. Wenn ich wenigstens Alkohol trinken wollen würde! Sie spielt Heavy-Metal-Fan. Es wirkt wie Karneval, nur schlimmer. Aber es fällt sonst niemandem auf.

Der DJ spielt Tools "Schism". Der Song, der mir auch nach Jahren des Hörens und trotz all dieser Teenager noch jedes Mal sehr nahe geht. Ein 3/4 Takt macht vielen schon Probleme. Wenn zudem noch ein Achtel fehlt, geht dem Polkafreund allerdings völlig der Schuh flattern. An dieser Stelle kommt dann auch bei mir ein gewisses Amusement zum Tragen, wenn ich die Tanzenden betrachte, die die "1" suchen. Doch sie sind alle zum Spaß haben hier. Und heben die Faust!
Die Faust? JA WEISS DENN NIEMAND HIER, DASS HIER KEINE FAUST ANGEBRACHT IST? WEISS DENN NIEMAND, WORUM ES GEHT? Nein, aber sie haben alle Spaß. Alle? Ich fühle mich wie ein gallisches Dorf inmitten von Böhmen. Und alle treckern mir durch die Saat und singen dabei Worte, die es nie geben wird.

Rage against the machine. "Fuck you, I won't do what you tell me!" brüllen zwei, die definitiv ansonsten entweder am Schalter einer Bank arbeiten oder Versicherungen vertreten. Vom Rest oder gar vom Inhalt wissen sie nichts. Aber das macht nichts, denn sie brüllen nur einmal die Woche und es löst sie vom inneren Gram und der Zeit unter Mama. Sie folgen, weil es grad so gut tut. Und dafür ist ja Musik auch da. Sie soll heilen. Den Schreiber und den Hörer. Und dennoch ist es ein tragisches Bild, was die zwei da bieten. Was uns unterschiedet, ist die Tatsache, dass ich weiß, worums da geht. Und der Fakt, dass die beiden glücklich und geschafft ins Bett fallen, während ich dies hier schreibe und mich frage, ob es Sinn ergibt, wenn etwas einfach keinen Sinn ergibt.

Morgen werde ich Pocupine Trees "Arriving somewhere but never here" im Auto hören. Oder Henry Rollins' "Liar". Oder Bad Religions "Struck a nerve". Vielleicht auch "The Rip" von Portishead. Definitiv aber Opeths "Hours of Wealth". Hab ich Peter Gabriels "Signal to Noise" erwähnt? Ich werd es verstehen wie ich es für richtig erachte und dabei über die Worte grübeln. Und auf der Spur zur Linken fahren zwei vorbei, die "dfschhhh dfschhhh öööööörrrrrrrrgggggggg fuck fuck hell yeah dfschhh dadadadada fuck you!" singen und sich dabei doll freuen, bevors bei Oma Kuchen gibt.

Manche mögen das "doof" nennen. Ich nenne es evolutionärer Vorteil.

Eine Bekannte sagte mir: "Du musst mal locker sein und Party machen! Dann stehen die Frauen auf Dich!". Wenn's darum mal ginge. Wenn Benedikt XVI. eines Tages Slayers "Disciple" vom Kirchturm brüllt, mach ich's. Versprochen.